Freitag, 8. April 2016

Robert Seethaler: Der Trafikant (2012)



Wien 1937, ein halbes Jahr, bevor Österreich Ostmark heißen wird. Franz Huchel, ein Junge vom Land mit Dreck an den Schuhen kommt in die große Stadt, um etwas zu werden, das er noch nicht ist, zum Beispiel ein Mann. Die Mutter hat ihn geschickt (ein Vater kommt nicht vor), schweren Herzens und unter der Bedingung, dass er sie auf dem Laufenden hält. Eine Karte pro Woche. Nicht mehr, nicht weniger.  Diese Korrespondenz zieht sich wie ein roter faden durch den Roman.

Nun arbeitet Franz in der Trafik (=Kiosk) des kriegsversehrten Otto Trsnjek. Schon bald lernt er Sigmund Freud kennen, der bei Trsnjek seine Zigarren und Zeitungen kauft und von ihm respektvoll mit ›Herr Professor‹ begrüßt wird. Und bei einem Besuch auf dem Prater begegnet er Anezka, einer drallen Böhmin mit der schönsten Zahnlücke der Welt – und einem Eigenleben.

Trsnjek lehrt Franz das Handwerk des Trafikanten, das darin besteht, die Zeitungen zu lesen, die abenteuerlichen Werbetexte der Zigarrenmarken auswendig zu lernen und die Wünsche der Stammkunden zu verinnerlichen. Außerdem lernt Franz von Otto, was eine Weltanschauung ist.

Von Freud lernt Franz, seine Regungen und Gefühle zu reflektieren und seinen Träumen mehr Ausfmerksamkeit zu widmen. Der alternde Psychiater genießt im Gegenzug die jugendlich unverstellte Frische seiner Erzählungen, die wie eine Frühlingsbrise seinen therapeutischen Alltagstrott durchlüften und ihn gleichzeitig herausfordern.

Und was lernt er von Anezka? – Cherchez la femme. Bei der ersten Begegnung sieht ihn die drei Jahre ältere zunächst an »wie eine Zoobesucherin ein vom Aussterben bedrohtes Tier« (52), um kurz darauf sein »scheenes Popscherl« zu loben. Auf seinem schönen Hintern lässt sie ihn dann allerdings erstmal sitzen. Willkommen in der anstrengenden Welt der Liebe – doch gut für Franz, dass er mit Freud einen kompetenten Bekannten hat, der dazu gerne einige schöne Sätze beisteuert – diesen Spaß lässt sich Seethaler nicht nehmen. Zum Beispiel diesen:
»Die richtige Frau zu finden ist eine der schwierigsten Aufgaben der Zivilisation. Und jeder von uns muss sie vollkommen alleine bewältigen. Wir kommen alleine zur Welt und wir sterben alleine. Doch gegenüber der Einsamkeit, die wir empfinden, wenn wir zum ersten Mal vor einer schönen Frau stehen, wirken Geburt und Tod geradezu wie gesellschaftliche Großereignisse.« (140f.)
Franz beginnt damit, seine Träume aufzuschreiben und irgendwann hängt er die kryptischen Traumzettel sogar an die Außenwand der Trafik, was den Roman um eine zusätzliche anregende Dimension bereichert, nicht unähnlich den Postkarten an die Mama – die beispielsweise irgendwann zur ›Mutter‹ wird.

Die Träume drehen sich nämlich nicht bloß um sein Liebesleben oder sein Heimweh nach der idyllischen Welt der unbeschwerten Kindheit auf dem Land, sie spiegeln auch durchwegs die gesellschaftspolitischen Veränderungen, die mit zunehmender Dauer immer mehr ins Blickfeld des Jungen und damit des Romans rücken. Impressionen der Mutter vom Land:
»Stell dir vor, sogar im Wirtshaus und in der Schule hängt jetzt der Hitler. Direkt neben dem Jesus. Dabei weiß man doch gar nicht, was die beiden voneinander halten. Leider ist das schöne Auto vom Preininger beschlagnahmt worden. So nennt man das heute, wenn Sachen verschwinden und irgendwo anders wieder auftauchen.« (168)
Dass die kleinen und großen Hitlers, die im Wien der Vorkriegszeit immer prominenter auftreten, nicht von Anfang an eine große Rolle spielen, ist als weitere Stärke des Romans zu werten. Nichts zu diesem Thema wirkt aufgesetzt oder gewollt, alles wird fein mit der Hauptfigur versponnen und so erzählt, dass es notwendig zum natürlichen Bestandteil der Entwicklung von Franz wird.

Und doch hat der Höhepunkt des Romans mit Politik zu tun. Denn Franz erinnert sich an eine ziemlich resignative, nicht ganz leicht verständliche, aber jedenfalls interessante Aussage, die Freud in ihrem letzten Gespräch vor dessen Flucht aus Wien ihm gegenüber traf. Sie war teil seiner Reaktion auf Franz' Frage, in welche Richtung er sein Leben steuern soll.
»Wir kommen nicht auf die Welt, um Antworten zu finden, sondern um Fragen zu stellen. Man tapst sozusagen in einer immerwährenden Dunkelheit herum, und nur mit viel Glück sieht man manchmal ein Lichtlein aufflammen. Und nur mit viel Mut oder Beharrlichkeit oder am besten mit allem zusammen kann man hie und da selber ein Zeichen setzen.« (224)
Fazit: Ich habe den Roman und seine süffige Sprache sehr gerne gelesen, eine gediegene Mischung aus Fact und Fiction, tief, mit feinsinnigem Humor, mit Liebe zu den Figuren, ohne kitschig zu sein, und außerdem spannend.

Der Trafikant. Kein und Aber. Zürich/Berlin 2012/13. 250 Seiten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen